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Interview mit Enex zum Bohrstart in Geretsried

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3 | 2017

In Geretsried steht die Wiederaufnahme der in 2013 gescheiterten Bohrung kurz bevor. Die bisher heißeste Bohrung im bayerischen Molassebecken mit 160 Grad Celsius war 2013 nicht fündig und wurde zum Versicherungsfall. Jetzt soll der Sidetrack aus der bestehenden Bohrung das Projekt zur Fündigkeit zu bringen.

Enerchange sprach mit Herrn Andreas Gahr und Herrn Dr. Robert Straubinger von der Enex Geothermieprojekt Geretsried Nord GmbH & Co. KG über die anstehenden Arbeiten.

Herr Straubinger, Herr Gahr, wie konnten Sie Ihren neuen Investor überzeugen, in die Fortsetzung des Geothermieprojektes zu investieren und was sind als nächste Schritte geplant?

In Anbetracht der nicht erfolgreichen Bohrung in 2013 war es naturgemäß eine Herkulesaufgabe, Investoren zu einer nochmaligen Finanzierung in Geretsried bewegen zu können. Und wir sind froh, dass uns dies gelungen ist und dass der Investor AUCTUS sich sehr intensiv mit der Materie auseinandergesetzt hat. Letztendlich hat die Nachbearbeitung der aus der Fehlbohrung gewonnenen Daten und die Einschätzung der im Rahmen des Forschungsprojekts eingebundenen geologischen Berater (Anmerkung der Redaktion: LIAG, Hannover/TU München/GEOS Freiberg/Geothermie Neubrandenburg) das Vertrauen von Investoren in das Projekt wieder deutlich gesteigert. Während ein Investor bei anderen Erneuerbare-Energie-Projekten sein Engagement weitgehend auf verifizierbare Parameter abstützen kann (z. B. durchschnittliche jährliche Sonnen- oder Windstunden), muss er bei einem Geothermieprojekt auch davon überzeugt sein, dass die prognostizierten Werte eintreten werden. Das betrifft ebenfalls die kalkulierten Kostenbudgets und die spätere Rentabilität sowie die Langzeitstabilität der einzelnen Komponenten. Aus diesem Grund ist es immer sehr schwer, Investoren für ein Geothermieprojekt zu begeistern. Als nächster Schritt ist jetzt zunächst die Durchführung des Sidetracks im ersten Halbjahr 2017 geplant, mit dann hoffentlich positivem Ausgang. Anschließend würde das Projekt mit der zweiten Bohrung am Tierheim fortgesetzt werden.

Können Sie uns auch Ihr Ausbauschema der Bohrung und Ihre Zielparameter (Temperatur und erwartete Förderrate) verraten?

Nachdem wir aus der ersten Bohrung in Geretsried wissen, dass man in unserer Gegend und in unseren Tiefen nicht wie bei manch anderen Projekten im Münchner Umland auf durchlässige Gesteinsschichten wie Riffstrukturen hoffen darf, wird nun unter Begleitung der Forschungspartner gezielt in eine geologische Kluftstruktur gebohrt werden. Ziel des Forschungsprojekts ist zudem, Bohrkerne aus dem Malm zu ziehen, um anhand der Proben eine bessere Prognostizierbarkeit der Förderraten bei anderen Projekten zu erzielen.

Beim Sidetrack werden wir bei etwa 4.000 Meter aus der bestehenden Bohrung ausscheren und von dort mit einer erheblichen Richtungsänderung in Richtung der Kluftstruktur weiterbohren. Die Zielparameter liegen bei einer Temperatur von 150 bis 160 Grad Celsius und einer Förderrate von 70 bis 110 Liter pro Sekunde.

Welche Rolle spielte dabei die Fündigkeitsversicherung, die das Bohrunternehmen Daldrup & Söhne AG miteingebracht hat? Was ist der Unterschied zu den bisherigen Fündigkeitsversicherungen?

Zunächst sei angemerkt, dass es sich bei der Absicherung, die uns die Daldrup & Söhne AG gewährt, nicht um eine „klassische“ Versicherung handelt. Daldrup & Söhne gewährt uns über ihre gemeinsam mit der Marsh GmbH entwickelte ART-Struktur (Alternative Risk Transfer), eine Rückzahlungsgarantie für den Fall, dass eine bestimmte Fündigkeit nicht erreicht wird. Daldrup wiederum verfügt über einen Rahmenvertrag mit einem Versicherungsunternehmen, der die daraus resultierenden Risiken weitgehend abdeckt.

Diese Struktur war für den Investor und für die in das Gesamtfinanzierungssystem eingebundene fremdfinanzierende Bank enorm wichtig. Für uns als Garantienehmer gleicht die Absicherung der „klassischen“ Fündigkeitsversicherung, wobei man bei diesem Konstrukt die Fündigkeitsabsicherung direkt über den Bohrunternehmer und nicht mit einer Versicherung vereinbart. Im Fall der Nichtfündigkeit werden hiermit nur die entstandenen Bohrkosten rückerstattet. Die Kosten anfallender Rettungsmaßnahmen werden jedoch vom Bohrunternehmer bzw. seiner Versicherung getragen. Sicherlich ein erklärungsbedürftiges Konstrukt, aber nach unserer Einschätzung sehr gut nutzbar, zumal sich hierdurch der Abstimmungsbedarf zwischen Bohrvertrag und Versicherungslösung minimiert.

Wie sieht die Struktur dieser Fündigkeitsversicherung aus? Wird der Bohrpfad jetzt von Ihrem Bohrunternehmen entworfen?

Vorneweg: der Bohrpfad des Sidetracks wurde primär von den geologischen Beratern im Sinne von größtmöglicher Fündigkeitserwartung gewählt, und das wird auch beim Bohrpfad der zweiten Bohrung so sein. Allerdings wurde der von den Geologen gewählte Bohrpfad vom Bohrunternehmer auf seine bohrtechnische Umsetzbarkeit hin überprüft und hierbei einer umfassenden Risikoanalyse unterzogen (z. B. Gebirgsbeschaffenheit, Gaszutritt, Formationsdrücke, etc.), woraus dann im Endeffekt der finale Bohrpfad wurde. Die Fündigkeitserwartungen wurden durch den Bohrunternehmer im Rahmen eines Qualifizierungsprozesses gemeinsam mit seinem Versicherer bewertet.

Diese Vorgehensweise ist im Sinne des Bohrunternehmers und aller Beteiligten wichtig. Die Daldrup & Söhne AG als unmittelbarer Garantiegeber gegenüber uns als Garantienehmer kann kein Interesse daran haben, einen Bohrpfad abzulehnen, der nach bestem geologischen Wissen und Gewissen erstellt wurde. Allerdings würde der Bohrunternehmer mit Sicherheit eine Bohrzielprognose wie bei der erfolglosen Bohrung 1 im Jahr 2013 (mit dem Ziel, durchlässige Fazies zu erbohren) nicht mehr mittragen, und das zu Recht. Wie wir alle wissen, schadet jedes gescheiterte Projekt der Geothermie.

Der Bohrunternehmer ist demzufolge eine sehr wichtige Kontrollinstanz mit Vetorecht.

Im Rahmen des Sidetracks des Geothermieprojekts gibt es jetzt auch ein Forschungsprojekt „Dolomitkluft“. Wie wichtig war dies zur Fortsetzung des Geothermieprojekts?

Immens wichtig. Denn durch das Forschungsvorhaben konnte man den Investoren auch zeigen, dass nicht nur wir als Projekteigner diejenigen sind, die an den Erfolg in Geretsried glauben, sondern eben auch staatliche Einrichtungen, die dafür Fördergelder in nicht unerheblicher Größenordnung freigeben, Forschungsinstitute und geologische Ingenieurbüros. Die Fördergelder kommen zum größten Teil der Erforschung des nutzbaren geothermischen Potentials in der gesamten Region zugute; die Ergebnisse sind auch anderen Projektentwicklern frei zugänglich und sollten somit den weiteren Ausbau geothermischer Reservoire für regenerative Strom- und Wärmeversorgung beschleunigen. Und das hat das Vertrauen in das Projekt deutlich verstärkt.

Aber nicht nur für die Investoren war dies immens wichtig. Auch für uns waren die vielen Gespräche und Diskussionen mit den Verbundpartnern von sehr großer Bedeutung, weil man das Ziel unserer Arbeit am Sidetrack über das reine Projekt hinaus besser fassen konnte.

Herr Gahr, Herr Straubinger, herzlichen Dank für das Gespräch.

(js)
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