Erschließung ungenutzter Potenziale
Kölbel weist in dem Interview darauf hin, dass es einen breiten gesellschaftlichen Konsens gebe, die Energieversorgung in Zukunft immer CO2-ärmer zu gestalten. Daraus ergebe sich automatisch die Notwendigkeit, erneuerbare Quellen verstärkt zu nutzen und die Geothermie sei dabei eine zentrale Säule. Besonders für die Wärmeversorgung bietet die Tiefe Geothermie große Chancen, da sie ganzjährig verfügbar ist, unabhängig von Tageszeit und Witterung. In Regionen wie dem Oberrheingraben, wo auch das Lkw-Werk in Wörth liegt, sind bereits in rund 3.000 Metern Tiefe Temperaturen um 150 Grad Celsius messbar. Laut Kölbel sei die Förderung technisch unkompliziert: Es würden zwei Bohrungen benötigt sein, eine um das heiße Thermalwasser nach oben zu fördern, und eine zweite, um es nach der Nutzung wieder zurück in den Untergrund zu leiten. Ziel ist es, das geologische Reservoir möglichst wenig zu verändern. Deshalb werde das entnommene Wasser wieder zurückgeführt, ohne die Umwelt zu belasten.
Gemeinsames Projekt: WärmeWerk Wörth
Um dieses Potenzial zu erschließen, ist 2023 das Joint Venture WärmeWerk Wörth von Daimler Truck, EnBW und der Stadt Wörth gegründet worden. Ziel ist eine nachhaltige Wärmeversorgung durch Geothermie. Anfang 2024 hat das Projekt eine Förderzusage durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz erhalten. Im Frühjahr 2024 sind erste Voruntersuchungen gestartet worden. Dabei wurde ein 3D-seismisches Messverfahren eingesetzt, mit dem die geologischen Strukturen mithilfe von Vibro-Fahrzeugen erfasst worden sind. Die Messungen waren nach rund drei Wochen abgeschlossen. Die Auswertung der Daten läuft derzeit. Auf ihrer Grundlage soll in den kommenden Monaten der genaue Standort für die Geothermieanlage festgelegt werden.
Lithium aus Thermalwasser: Zusätzliche Ressource?
Neben der Wärmeerzeugung biete die Geothermie laut Kölbel noch weiteres Potenzial, insbesondere mit Blick auf das strategisch wichtige Element Lithium, das für die Elektromobilität von zentraler Bedeutung sei. Howe weist in dem Gespräch darauf hin, dass die Nachfrage nach Lithium rasant wachse und ab etwa 2030 Engpässe aus den bisherigen Förderländern wie Chile oder Australien zu erwarten seien. Kölbel zufolge lasse sich Lithium auch als Nebenprodukt aus Thermalwasser gewinnen. Die Forschung hierzu schreite voran und in wenigen Jahren könne es technisch möglich sein, Lithium wirtschaftlich aus geothermalen Quellen zu extrahieren, auch in Deutschland.