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Was steckt hinter den erhöhten Wärmeflussraten in Franken?

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5 | 2018
Interview mit Dr. Wolfgang Bauer, Leiter der Forschungsgruppe Geothermie am Lehrstuhl für Geologie vom GeoZentrum Nordbayern der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg zur geplanten 2D-Seismik in Franken.

Die geothermische Exploration des Untergrundes beschränkt sich in Bayern im Wesentlichen auf das Molassebecken im Süden des Freistaates. Seit mehr als 10 Jahren werden hier über seismische 2D und 3D Erkundungen tiefe Geothermieprojekte zur Wärme- und Stromerzeugung entwickelt. Der Norden Bayerns schien bislang für eine geothermische Erschließung relativ uninteressant zu sein. Doch das ändert sich jetzt. Mit einem größer dimensionierten Forschungsprojekt will das GeoZentrum Nordbayern in Franken mit 2D-Seismik den Untergrund erkunden und so Informationen über die geologischen Strukturen gewinnen. Der Initiator dieses Projektes ist Dr. Wolfgang Bauer, Leiter der Forschungsgruppe Geothermie am Lehrstuhl für Geologie vom GeoZentrum Nordbayern der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg. Enerchange sprach mit ihm über die Ziele und Beweggründe, warum ausgerechnet diese Region nun stärker in den Fokus der Wissenschaft rückt.

Dr. Wolfgang Bauer, Leiter der Forschungsgruppe Geothermie am Lehrstuhl für Geologie vom GeoZentrum Nordbayern der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg
Herr Dr. Bauer, Sie sind Initiator und Verantwortlicher für das Forschungsprojekt, mit dem der Untergrund in Franken seismisch erkundet werden werden soll. Wie ist dieses Projekt entstanden?

Seit Anfang der 1970er Jahre ist durch Bohrungen für einen Gasspeicher bei Mürsbach bekannt, dass dort in ca. 1.300 Meter Tiefe relativ hohe Temperaturen im Untergrund auftreten. Diese sind 20 Grad höher als man erwarten würde. Ich habe in meiner Dissertation die Untergrundtemperaturen in Franken untersucht und festgestellt, dass ein weitaus größeres Gebiet in Franken erhöhte Untergrundtemperaturen zeigt. Es reicht von Coburg über Hassfurt, Bamberg bis etwa nach Mistelgau und im Norden bis nach Südthüringen hinein. Genau lässt sich diese positive geothermische Anomalie nicht abgrenzen, da es nur wenige Bohrungen gibt, die tief in den Untergrund reichen.

Die Thermalbohrung Staffelstein, die aufgrund der Erkenntnisse aus Mürsbach 1976 durchgeführt wurde, erreicht gerade 1.600 Meter. Darunter fehlen uns Informationen. Wir wissen also weder in der Fläche noch in der Tiefe genau, wie weit sich die erhöhten Temperaturen erstrecken. Die ganze Region ist im geologischen Sinne eigentlich unterexploriert. Mit dem Projekt „2D Seismik in Franken“ hoffen wir, erstmals einen Einblick in den Untergrund dieser Region zu erhalten. Die Seismik wird uns nichts über die Temperaturen sagen, aber wir erhoffen uns Erkenntnisse über die Struktur des Untergrundes, um daraus Schlüsse über die Ursachen der Anomalie ziehen zu können.

Welche Rolle spielt die Geothermie-Allianz Bayern in diesem Projekt?

Die Geothermie-Allianz Bayern (GAB) ermöglicht dieses Projekt überhaupt erst. Sie spielt also eine zentrale Rolle. Die GAB wurde 2016 vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst ins Leben gerufen und mit 12 Millionen Euro gefördert. Beteiligt sind die Technische Universität München (TUM) sowie die Universitäten Erlangen-Nürnberg (FAU) und Bayreuth (UBT). Jede Universität hatte am Anfang ihre Schwerpunkte gesetzt und dafür Fördermittel erhalten. Nach zwei Jahren Zusammenarbeit planen wir jetzt gemeinsame Forschungsvorhaben für die Zukunft und pflegen einen intensiven Austausch. Ich sehe die GAB als ein sehr erfolgreiches Projekt, das neben wichtigen Forschungsergebnissen auch die Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachbereiche verschiedener Universitäten vorangebracht hat. Wir arbeiten nicht nur mit den Geowissenschaftlern der TUM, sondern auch mit den Ingenieuren der TUM und UBT mittlerweile eng zusammen. Das macht sehr viel Freude.

Was ist die Absicht hinter dem Projekt? Soll in Nordbayern die Geothermie großflächig genutzt werden, ähnlich wie in Oberbayern?

Ziel der Untersuchungen ist es zunächst einmal, zu verstehen, was die Ursache für die erhöhten Temperaturen in Franken ist. Ob sich diese nutzen lassen, kann man momentan noch nicht sagen, vor allem, weil auch weitere Untersuchungen erforderlich sein werden. So ist es beispielsweise nur mit einer Bohrung möglich, nachzuweisen, ob auch in 3.000 Metern Tiefe die Temperaturen ebenfalls höher sind als normal. Damit kommt man dann auf ein Temperaturniveau, das für eine Nutzung interessant wäre. Als langfristiges Ziel ist es erstrebenswert, diese grundlastfähige und erneuerbare Energie in Franken auch zu nutzen. Gespräche mit den regionalen Versorgern hatten wir vor einigen Jahren schon geführt und haben dabei auch großes Interesse festgestellt. Allerdings sinkt das Risiko erst nach Abschluss der wissenschaftlichen Voruntersuchungen soweit, dass evtl. auch Wirtschaftsunternehmen sich an einem Geothermieprojekt beteiligen könnten. Unsere ersten Ansprechpartner nach Auswertung der Ergebnisse sind jedoch die betroffenen Landkreise und Kommunen.

Wir wollen aber auch nicht nur die geologischen Potenziale im Untergrund untersuchen, sondern auch, zusammen mit unseren Partnern an den Universitäten München und Bayreuth, die Wärmesenken in der Region kartieren und einen geeigneten Kraftwerkstyp auswählen, falls auch Stromerzeugung möglich wäre. Da Franken ja in großen Bereichen von den geplanten Stromtrassen betroffen ist, wäre eine eigene, verbrauchernahe Erzeugung möglicherweise eine Alternative.

Wann sollen die Messungen beginnen, und wie lange werden sie dauern?

Momentan steht das Genehmigungsverfahren kurz vor dem Abschluss. Die Auswahl eines geeigneten Messunternehmens läuft noch, und die Detailplanung der Messlinien und die Einholung der erforderlichen Erlaubnisse sind auf dem Weg. Wir werden dabei sehr gut von den Landräten, Bürgermeistern und den lokalen Verwaltungen unterstützt. Ich möchte mich hier ausdrücklich bei allen Beteiligten für die gute Kooperation und die Unterstützung bedanken. Unser Plan ist, die Messungen im Zeitraum zwischen Oktober und Dezember dieses Jahres durchzuführen, damit alle an Weihnachten wieder zuhause sind. Die Messung der Linien dauert etwa vier Wochen. Der Zeitraum im Herbst ist ideal, da dann die Landwirtschaft ihre Felder abgeerntet hat und die Vögel nicht brüten. Wir stören in diesem Zeitraum nur relativ wenige.

Wieviele Kilometer umfassen die seismischen Linien zur Erkundung des Untergrundes?

Insgesamt sind vier Linien geplant mit einer Länge von ca. 215 Kilometern.

Wie lange dauert ein Messzyklus, und wie viele gibt es schätzungweise pro Kilometer?

Wir legen alle 100 Meter einen Anregungspunkt. Dort halten die Vibratorfahrzeuge an und vibrieren 6 bis 10 Sekunden. Das wird dreimal wiederholt, so dass an einem Punkt die Fahrzeuge ca. 1 bis 2 Minuten stehen. Dann fahren sie weiter zum nächsten Punkt. Bei 10 Punkten pro Kilometer legt der Messtrupp ca. 2 Kilometer pro Stunde zurück.

Birgt das Projekt Gefahren für die Bevölkerung?

Nein es besteht zu keiner Zeit Gefahr für die Bevölkerung. Dort, wo in der Nähe von Gebäuden und Bauerwerken vibriert wird, werden die Vibrationen überwacht. Sollten die Grenzwerte erreicht werden, wird die Intensität der Vibrationen reduziert, um Gebäudeschäden auszuschließen. Und wie bei allen großen Fahrzeugen sollte man einen Sicherheitsabstand einhalten, auf den auch die begleitenden Permitter achten.

Ist eine hohe Lärmbelastung zu erwarten?

Offen gesagt, ist so ein Seismikmesstrupp kein Kammerorchester. Obwohl die Fahrzeuge schallisoliert sind und den Richtlinien entsprechen, sind sie laut. Da der Lärm aber nur für 1 bis 2 Minuten und nur alle 100 Meter entsteht, hoffe ich, dass die betroffenen Anwohner dies tolerieren.

Wie laufen die Vorbereitungen zu dem Projekt? Gibt es bereits ein Feedback der Bevölkerung?

Wie bereits erwähnt, erleben wir sehr offene und hilfsbereite Menschen in der Region. Es gibt natürlich viele Fragen zu dem Projekt, da so etwas in Franken nicht an der Tagesordnung ist. Die meisten Fragen drehen sich um die Zielsetzung der Untersuchungen, die Methodik, aber auch, wie mit Schäden umgegangen wird. Dazu vielleicht noch eine abschließende Anmerkung: wenn wir etwas kaputt gemacht haben, dann bezahlen wir es auch.

Herr Dr. Bauer, wir wünschen Ihnen gutes Gelingen und ein erfolgreiches Projekt. Herzlichen Dank für dieses aufschlussreiche Interview.
 

(js)

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