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Sachliche Informationen zur Geothermie fördern die Akzeptanz

29. Januar 2021

Bei der online abgehaltenen Infoveranstaltung der Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg zur tiefen Geothermie im Oberrheingraben standen am Dienstag, den 26. Januar sachliche Informationen im Vordergrund.

Schon die Römer hatten gute Gründe, im Oberrheingraben viele Siedlungen zu gründen: Heißes Tiefenwasser speiste ihre Thermalquellen, noch heute sind die badischen Thermalbäder beliebt. Das geothermische Potenzial ist groß, die baden-württembergische Landesregierung will es für die Produktion von Strom und Wärme nutzen. Auch einige Firmen stehen schon in den Startlöchern, doch in Teilen der Bevölkerung herrscht noch Skepsis.

Um den Sorgen und Vorbehalten mit sachlicher Information zu begegnen, sind Informationsveranstaltungen ein wichtiges Instrument. Aktuell können diese nicht live stattfinden, daher hatte die Plattform Erneuerbare Energien BW zu einem Online-Format eingeladen.

Fridays for Future sehen das Klimaschutzpotenzial der Geothermie

Eröffnet wurde die Veranstaltung durch einen Beitrag von Line Niedeggen, Sprecherin für die FFF-Ortsgruppen Heidelberg, Mannheim und Karlsruhe. Auch die Klimaschutz-Bewegung habe die tiefe Geothermie intensiv diskutiert und sei zu dem Schluss gekommen, dass gerade für die Wärmewende die Energie aus der Tiefe unbedingt einbezogen werden müsse. So fordere die Ortsgruppe Heidelberg explizit die Prüfung der Geothermiepotenziale in der Region. Dabei sei es immens wichtig, die Bürger*innen mitzunehmen und auf ihre möglichen Bedenken mit sachlichen Informationsangeboten einzugehen. Das könne eine breite Akzeptanz für die notwendige Transformation hin zu einer klimagerechten Gesellschaft schaffen.

Im ersten Vortrag des Abends stellte Prof. Dr. Frank Schilling vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) zunächst die Funktionsweise der tiefen Geothermie und das Potenzial im Oberrheingraben vor. Zudem erläuterte er, dass die Möglichkeiten für eine klimafreundliche Wärmeerzeugung in einigen Bereichen, wie etwa Biomasse oder Biogas, heute schon ausgereizt seien. Brachliegende Potenziale gebe es noch bei der oberflächennahen Geothermie und der Nutzung von Umweltwärme, der Solarthermie und bei der tiefen Geothermie. Letztere habe davon das höchste Treibhausgasminderungspotenzial.

Ebenfalls vom KIT ist Prof. Dr. Thomas Kohl, der über mögliche seismische Aktivitäten durch die Nutzung der tiefen Geothermie informierte. Die Prozesse, die zu seismischen Ereignissen führen können, seien in der Regel heute verstanden. Gerade bei einer hohen Vorspannung im Untergrund, wie sie im Oberrheingraben vorliegt, könne eine hydraulische Stimulation, d.h. das Einpressen von Flüssigkeiten in unterirdische Klüfte, zu seismischen Ereignissen führen.

Daher sei es immens wichtig, den Druck gut zu regulieren, wie es beispielsweise im elsässischen Soultz-sous-Forêts geschehe. Und auch wenn spürbare Ereignisse aufträten, sei dies eher mit dem Vorbeifahren einer Straßenbahn zu vergleichen. Sach- oder gar Personenschäden seien in Deutschland nicht bekannt. Zudem schreibe das Bergrecht eine Beweislastumkehr vor: Im Falle eines Schadens muss der Betreiber der Geothermieanlage beweisen, dass er nicht verantwortlich ist – ansonsten haftet er oder seine Versicherung.

Dem ist hinzuzufügen, dass eine solche hydraulische Stimulation in Baden-Württemberg gar nicht erlaubt ist, wie schon Professor Schilling in seiner Präsentation dargestellt hatte.

Drei Unternehmen: Von der ersten Planung bis zum Betrieb

Nach einer Fragerunde präsentierten die Vertreter von drei Unternehmen ihre Pläne beziehungsweise Erfahrungen in Sachen tiefer Geothermie.

In Mannheim und Umgebung versorgt aktuell noch ein Kohlekraftwerk die Fernwärmenetze. Matthias Wolf von der MVV Energie AG zeigte auf, wie die Firma ihre Wärmeversorgung zukünftig dekarbonisieren will und welche Rolle die Geothermie dabei spielen soll. So könne die tiefe Geothermie Teil in einem bedarfsgerechten Mix verschiedener Erzeugungstechnologien sein.

Aktuell hat die MVV gemeinsam mit der EnBW eine Aufsuchungserlaubnis für das Feld „Hardt“ im Raum zwischen Mannheim und Schwetzingen beantragt. Wenn der Antrag positiv beschieden werde, könne man ergebnisoffen nach einem geeigneten Standort für eine oder mehrere Bohrungen suchen. Die notwendige Prüfung, Bewertung und Priorisierung von Standorten werde etwa 18 Monate dauern. Wenn dabei ein geeigneter Standort ermittelt wird, folgt ein Genehmigungsverfahren für die Bohrungen und den Bau der Anlagen, bei dem sämtliche Risiken ausführlich abgeklärt werden. Erst dann könne gebohrt werden und nach erfolgreichen Bohrungen der Bau der Anlagen und schließlich die Versorgung der Bevölkerung mit Wärme anschließen.

Einen Schritt weiter ist man bei der Deutschen ErdWärme GmbH, wie Dr. Sebastian Homuth darstellte. Die Firma hat bereits einen geeigneten Bohrplatz in Graben-Neudorf identifiziert. In einer Tiefe von 3.700 Metern erwartet man Temperaturen von 165 bis 185 Grad Celsius, die durchaus zur Stromerzeugung geeignet wären.

Bei einer thermischen Leistung von ca. 30-40 MWth rechnet die Deutsche ErdWärme mit einer elektrischen Bruttoleistung von ca. 6,3 MWel. Bei 8.000 Betriebsstunden im Jahr könnte die Anlage so ca. 33 Gigawattstunden klimafreundlichen Strom erzeugen. Möglichkeiten zur Wärmeauskopplung werden bereits in der Planung der Anlagentechnik berücksichtigt. Aktuell befindet sich das Projekt in der Genehmigungsphase. Ausführlich ging Homuth in seinem Vortrag auch auf den Schutz von Grund- und Trinkwasser bei den Bohrungen ein.

Als letzter Referent berichtete Dr. Thomas Kölbel von der EnBW Energie Baden-Württemberg AG von deren Erfahrungen im Betrieb von Geothermieanlagen. Das Unternehmen ist beteiligt an dem kleinen, ursprünglich als Forschungsanlage geplanten Geothermiekraftwerk in Bruchsal sowie an der deutlich größeren Anlage im elsässischen Soultz-sous-Forêts. Beide Anlagen laufen seit Jahren störungsfrei. In Bruchsal ist aktuell ein neues Forschungsprojekt angelaufen, um das im Thermalwasser befindliche Lithium zu nutzen.

Fragerunde im Netz

Ein Onlineformat bietet Vor- und Nachteile. So wurde das eigentlich für Fragen aus dem Publikum eingerichtete Forum gezielt überschwemmt von Fragesteller*innen, die „ihre“ Antworten zumeist schon vorwegnahmen, versuchten Fehlinformationen zu streuen und den Referent*innen vorwarfen, ausschließlich Lobbyinteressen zu vertreten. Insbesondere drei Kommentatoren nahmen mit ihren Beiträgen geschätzte zwei Drittel des Forums ein – und dies bei 200 angemeldeten Teilnehmer*innen.

Bei einem Live-Event kommt es regelmäßig vor, dass solche Teilnehmer*innen durch lautstarke Meinungsbekundungen und Zwischenrufe die Sachlichkeit der Veranstaltung beeinträchtigen. Im Onlineformat konnte hingegen die Moderatorin die Fragen herausfiltern und an die Referent*innen weitergeben, die tatsächlich sachbezogen waren. Trotzdem ist es wichtig, auch Kritiker*innen anzuhören, auf ihre Bedenken einzugehen und diesen sachlich zu begegnen – gerade auch um das Zirkulieren von Fehlinformationen in der Öffentlichkeit zu verhindern.

Oft steht eine schweigende Mehrheit geplanten Projekten zunächst einmal neutral gegenüber. Diese gilt es zu erreichen. Gegen Ende der Veranstaltung äußerten sehr viele Teilnehmer*innen Dank und Anerkennung für die informative Veranstaltung im Kommentarbereich. Insofern ist anzunehmen, dass der Ansatz der Veranstalter*innen, möglichst breit und umfangreich über die tiefe Geothermie am Oberrhein zu informieren, wohl auf fruchtbaren Boden gefallen ist.

Im Nachgang stehen sowohl die Folien der Vorträge als auch eine Aufzeichnung der Veranstaltung auf YouTube online zur Verfügung. Entsprechend kann eine noch größere Anzahl an Menschen erreicht werden - auch dies ist ein Vorzug des Online-Formats.

Weitere Informationsarbeit muss dicke Bretter bohren

Die Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) berichteten ebenfalls über die Veranstaltung und sprachen mit Mitgliedern von Bürgerinitiativen. So zitiert der Artikel die Sprecherin der Bürgerinitiative aus Graben-Neudorf und Waghäusel Anja Göttsche. Sie ist der Meinung, dass bei dieser Veranstaltung nicht die Bürger*innen zu Wort gekommen seien, die es betreffe. Das geplante Geothermiekraftwerk Graben-Neudorf liege rund 800 Meter von der Wohnbebauung entfernt. „Für uns ist diese Technik nicht sicher genug“, sagte Göttsche den BNN. „Uns treibt die Erdbeben-Gefahr um. Das macht den Leuten Angst.“

Hier ist wohl noch mehr Informationsarbeit der Deutschen ErdWärme vonnöten, die das Kraftwerk plant. Denn das Einpressen von Flüssigkeiten in den Untergrund, um Klüfte zu erweitern, was höchstwahrscheinlich zu den seismischen Ereignissen in Straßburg geführt hat, ist in Baden-Württemberg gar nicht genehmigungsfähig. Hier ist ausschließlich die hydrothermale Geothermie erlaubt, die bereits vorhandene unterirdische Aquifere (Grundwasserleiter) erschließt.

Bei der Umsetzung von Großprojekten ist ein langer Atem in der Informationsarbeit gefragt – sei es nun ein Geothermieprojekt, ein Windpark oder eine Stromtrasse. Hilfreich ist es, wenn die Bürger*innen vor Ort das Projekt als vorteilhaft für sich selbst erleben, beispielsweise indem sie kostengünstige, sichere und klimafreundliche Wärme aus Geothermie beziehen können. Ansonsten greift schnell das NIMBY (Not in my Backyard)-Prinzip. Die für den Braunkohleabbau weggebaggerten Dörfer liegen ja in einer anderen Region und die Folgen des Klimawandels kratzen zwar schon deutlich an der Tür, lassen sich aber noch ignorieren.

Über die Risiken, die mit einem Geothermieprojekt verbunden sind, muss transparent aufgeklärt werden. Gleichzeitig gilt es Falschmeldungen zu adressieren, die möglichen Risiken ins Verhältnis zu den Chancen zu setzen und über die ausgereiften technischen Möglichkeiten zu informieren, wie beispielsweise seismischen Ereignissen vorgebeugt werden kann.

Und schließlich gilt es, die erfolgreichen Projekte in der Region – aber auch an anderen Orten – hervorzuheben. Denn diese zeigen, dass die Energiegewinnung aus tiefer Geothermie funktioniert. Wenn Besuche vor Ort wieder möglich sind, können die Bürger*innen bei Exkursionen erleben, wie eine Geothermieanlage aussieht – und wie es in ihrem Umfeld um Geräusche, Gerüche und das Landschaftsbild bestellt ist. (kj)

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