Geothermieanlagen im urbanen Raum passen mit bestehenden Förderprogrammen nicht mehr zusammen

14.05.2021 | Politik | Karin Jehle
Annecatrin Theis Stadtwerke München

Auch für die Fernwärmevision der Stadtwerke München (SWM) spielt die Bundesförderung effiziente Wärmenetze (BEW) eine zentrale Rolle. Annecatrin Theis, Projektleiterin Wärmewende bei den SWM, beantwortete für das aktuelle Thema im Fokus unsere Fragen. Seit vielen Jahren befasst sie sich mit der Gestaltung der Wärmewende und der hierfür erforderlichen regulatorischen Rahmenbedingungen, insbesondere hinsichtlich des Geothermieausbaus und der Wärmenetztransformation.

Wie wichtig ist die „Bundesförderung effiziente Wärmenetze (BEW)“ für die Entwicklung Ihrer eigenen Projekte bzw. der von Ihnen beratenen Unternehmen? Inwieweit greifen Sie auf bisher bestehende Förderprogramme, wie „Wärmenetze 4.0“ oder das KFW-Programm 272 „Erneuerbare Energien Premium“ zurück?

Die Bundesförderung effiziente Wärmenetze (BEW) ist für die im Rahmen der Wärmewende anstehenden Vorhaben der SWM von zentraler Bedeutung. Mit unserer „Fernwärmevision“ verfolgen wir das Ziel, unsere Fernwärme bis zum Jahr 2040 zu 100% klimaneutral zu erzeugen, überwiegend aus Geothermie. Im Zusammenhang mit dem Ziel der Landeshauptstadt München, bereits 2035 Klimaneutralität zu erreichen, untersuchen wir aktuell, wie wir unsere Fernwärmevision sogar noch früher umsetzen können. Wir haben bereits zwei Geothermieanlagen im Münchner Stadtgebiet in Betrieb. Am Standort des Heizkraftwerks Süd entsteht aktuell Deutschlands größte Geothermieanlage, die Ende dieses Jahres ans Netz gehen soll. Mit mehr als 60 MW wird sie Ökowärme für mehr als 80.000 Bürger*innen produzieren. Wir nutzen das bisherige KfW-Programm „Erneuerbare Energien Premium“, stoßen hier aber u.a. aufgrund der bestehenden Beschränkungen in Bezug auf die Anzahl der Bohrungen und die Tiefe bereits mit unserem Projekt am HKW Süd an unsere Grenzen. Es hat sich gezeigt, dass große Geothermieanlagen im urbanen Raum, bei denen es etwa darum geht, einerseits in immer größeren Dimensionen für die rasche Transformation der Fernwärme zu planen und andererseits den Besonderheiten und Herausforderungen einer Großstadt gerecht zu werden, mit diesen Begrenzungen nicht mehr zusammenpassen. Darüber hinaus benötigen wir dringend eine Förderung der Anbindung von EE-Wärmeerzeugungsanlagen an bestehende Wärmenetze, um Geothermieanlagen im Umland von Großstädten an die städtischen Fernwärmekunden zu bringen. Eine solche Förderung ist aktuell im Rahmen des KWKG nicht enthalten. Dass die BEW die EE-Wärmenetzförderung und die Förderung im Bereich der EE-Wärmeerzeugung nun zusammenbringt, ist sehr sinnvoll und für die Umsetzung der Wärmewende dringend nötig. Nun muss es darum gehen, dass die BEW rasch umgesetzt wird.

Der BEE als Interessensvertretung der gesamten Erneuerbare-Energien-Branche beklagt in einem Positionspapier, dass eine fehlende Regelung für die Übergangszeit, bis die BEW in Kraft tritt, Investoren und Betreiber verunsichere und sie bei der Entwicklung neuer Projekte daher erst mal abwarten würden. Ist dies nach Ihren Erfahrungen in der Geothermiebranche mit ihren vergleichsweise langen Entwicklungszeiten auch der Fall?

Ja, absolut. Wir haben es in der Geothermiebranche mit sehr langen Planungs- und Umsetzungszeiträumen zu tun und wir müssen jetzt handeln, um unsere Klimaziele auf Bundes- und EU-Ebene oder – wie im Fall München – auf kommunaler Ebene zu erreichen. Hinzu kommt natürlich ein erheblicher Handlungsdruck durch den Kohleausstieg. Außerdem gilt es, jetzt die richtigen Weichen für die Wärmewende zu stellen und Lock-in-Effekte zu vermeiden. Als Fernwärmebetreiber einer Millionenstadt sind wir davon überzeugt, dass sich die hochgesteckten Klimaziele im Wärmemarkt nur durch einen konsequenten Aus- und Umbau der Fernwärme lösen lassen.

Der BDEW fordert ein Fördervolumen in der BEW von mindestens einer Milliarde Euro pro Jahr bis zum Jahr 2030 für alle regenerativen Energien im Wärmebereich. Welcher Teil davon wäre für die Entwicklung geothermischer Projekte notwendig, wenn bis dahin tatsächlich 10 TWh jährlich aus geothermaler Fernwärme stammen sollen, wie es die Studie „Klimaneutrales Deutschland 2050“ anvisiert?

Geothermieprojekte sind mit extrem hohen Investitionskosten und Risiken verbunden. Gleichzeitig hat die Geothermie bundesweit ein riesiges Potenzial, das es für die Erreichung der Wärmewende-Ziele zu erschließen gilt. Wir unterstützen die Forderung der Verbände nach einer finanziellen Ausstattung der BEW von mindestens einer Milliarde Euro pro Jahr.

Für die „Bundesförderung energieeffiziente Gebäude (BEG)“ schlägt der BDEW vor, den Anschluss von Einzelgebäuden an ein Fernwärmenetz nicht vom aktuellen Anteil erneuerbarer Energien abhängig zu machen, sondern von einem ausgearbeiteten Transformationsplan für das gesamte Netz. In Fernwärmegebieten sollten dezentrale Heizungssanierungen sogar von der Förderung ausgenommen werden. Halten Sie das für einen guten Ansatz, um mehr Haushalte zum Anschluss an die Fernwärme zu bewegen?

Grundsätzlich begrüßen wir, dass die BEG eine Förderung des Austauschs gebäudeseitiger Anlagen vorsieht, um die Voraussetzung für die EE-Integration in der Fernwärme und die Erhöhung der Effizienz des Gesamtsystems, insbesondere eine Absenkung der Rücklauftemperatur, zu schaffen. Der konkrete bereits jetzt erzielte Anteil der EE im Wärmenetz hängt aber vor allem von der Größe des gesamten Netzes und damit von der Bemessungsgrundlage ab. So mag der in der BEG geforderte Anteil von 25% EE in vielen Nahwärmenetzen bereits erreichbar sein; für das Gesamt-Wärmenetz von Großstädten ist ein solcher Anteil aber aktuell i.d.R. nicht zu erreichen. Wir unterstützen den Vorschlag des BDEW, die Förderung an die Zielsetzungen der Fernwärmebetreiber, die in Transformationsplänen dargelegt werden, zu knüpfen. Denn es geht ja darum, die richtigen Anreize und notwendigen Voraussetzungen für die Wärmenetztransformation zu schaffen.

Quelle:

Enerchange

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